Landesweit erste WG von Beatmungspatienten

Rosenaue
 

Anerkennung für Coppenbrügger Einrichtung / Entwöhnung von der Maschine ist ausdrückliches Ziel

Coppenbrügge (ist). Am Freitag ein Bummel über den Wochenmarkt, bei Sonnenschein ein Eisbecher in der Eisdiele an der Ecke, die spielenden Kinder im Kindergarten nebenan – kurz: Leben erleben mitten im Herzen von Coppenbrügge ist Alltag für jedermann, aber fast nicht mehr erfüllbar geglaubte Träume, die Wirklichkeit geworden sind für Friedrich Meyer. Der 74-Jährige ist nach einem Luftröhrenschnitt Beatmungspatient und rund um die Uhr auf ein Beatmungsgerät angewiesen. Das sichert sein Überleben auf dem schmalen Grat zwischen Panik und gesellschaftlicher Isolation auf der einen, aber auch Hoffnung auf der anderen Seite.

Platz im Zimmer für persönliche Einrichtung

Dass Meyer sich unter der Betreuung in Coppenbrügge trotzdem seinen Humor erhalten hat, verraten die lebhaften Augen: Nur gegen das Versprechen eines Zeitungsexemplars verrate er Vornamen und Alter, gibt er mit Mimik und Handzeichen zu verstehen, denn das Sprechen fällt ihm schwer.
Er wohnt in einer der bundesweit ersten, in Niedersachsen einzigartigen Wohngemeinschaft mit Modellcharakter für Beatmungspatienten.

Das Gebäude direkt neben dem Seniorenpflegeheim Rosenaue in Coppenbrügge wurde auf Initiative von Heimleiter und Investor Jens Clement bis vor vier Monaten saniert und behindertengerecht umgebaut, um nicht nur neurologische, sondern auch organisch-lungenkranke Patienten dort individueller betreuen zu können. Das „Kleinstheim für Beatmungspatienten“ für Kranke, die einerseits nicht „akut“ genug sind für eine stationäre Krankenhausbetreuung, deren Heilungsperspektive die in Wochen rechnenden Rehazentren andererseits weit übersteigt, deren Intensivbetreung Pflegeheime und Familie bei weitem überfordert, ist aufgrund seiner überzeugenden Behandlungserfolge auch Ansprechpartner der Medizinischen Hochschule Hannover.
Die Fortschritte von Friedrich Meyer sind kein Einzelfall, freut sich Pflegedienstleiter Thomas Dörr. Er betreut mit seinem 25-köpfigen Team aus speziell ausgebildeten und in Intensivpflege erfahrenen Kranken- und Altenpflegern, Sozialpädagogen und Ergotherapeuten rund um die Uhr bis zu zehn Patienten – aufbauend auf Erfahrungen seiner Tätigkeit im Pflegeheim Rosenaue.
Sein Konzept überzeugte nach zäher Verhandlung auch die Pflegekassen und wurde mit Anerkennung als Kleinstheim belohnt: Viel Platz in den Zimmern für persönliches Mobiliar, ein Gemeinschaftsraum, geräumige Küche, Großraumbad, Parkgelände hinter dem Haus, dazu multiprofessionelle Betreuung unter höchstmöglicher Anlehnung an individuell maßgeschneiderte biographische Lebensvorlieben – all das ermögliche gerade in der persönlichen Atmosphäre eines Kleinstheimes die Entwöhnung vom Beatmungsgerät und damit die Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Und gerade die ist nicht nur wichtigstes Ziel des Pflegeteams und größter Wunsch der Patienten, sondern rechnet sich auch für die Kassen, wurde nun nach zweijähriger Dauerüberprüfung der Pflegebedingungen in Coppenbrügge festgestellt.
Glückwünsche zur Anerkennung durch die Pflegekassen, verbunden mit einer Einladung für das Pflegepersonal in die Eisdiele gegenüber, gab es von Coppenbrügges Bürgermeister Hans-Ulrich Peschka sowie der Bundestagsabgeordneten Gabriele Lösekrug-Möller und Ulrich Watermann, Mitglied im niedersächsischen Landtag. Vielleicht wird Friedrich Meyer auch mit dabei sein.

© Dewezet 19. August 2008