Buchtipp: Sungs Laden. Von Karin Kalisa

Sie ist bald hundert Jahre alt. Sie kommt aus einem Land, das halb dem Meer gehört und halb der Erde. Es ist ein schönes Land. Es ist ein armes Land. Sie ist aus dem Holz eines Feigenbaumens, nahezu anderthalb Meter hoch und 15 Kilogramm schwer. Ihr Name: Thuy. Jahrelang lag sie in eine Decke eingehüllt neben den wenigen anderen Habseligkeiten im Regal im Hinterzimmer von Sungs Laden. Wie sie eine sanfte, wunderbare ‚Kulturrevolution‘ im Prenzlberg in Berlin auslöst und dazu beiträgt, dass Ordnungshüter Kegelhüte tragen, in Grundschulküchen frisch gekocht wird und ein Zahnarzt kostenlosen Service anbietet, all das erfahren sie, wenn sie den Roman von Karin Kalisa lesen.

Es ist eine im Wortsinn wunderbare Geschichte und ein besonderer Lesegenuss. Probe gefällig?

Im Dezember hatte es angefangen. Der erste Schnee war schon gefallen und wieder weggetaut, als die Grundschule des kleinen Viertels im Prenzlauer Berg eine „weltoffene Woche“ ausrief. Es war ein dankbar ungünstiger Zeitpunkt, weil die die Vorbereitungen zur Weltoffenheit mitten in die Weihnachtsbasteleien und Adventsfeiern fielen. Der Direktor hatte ein Händchen für Verwaltungsarithmetik und legte Wert darauf, dass es vor Feiertagen und Ferien nicht zu Terminchaos und Last-Minute-Aktionen kam.  … Und nun das. Rechtzeitig wie immer, hatte er mit den Jahresabschlussarbeiten begonnen, da war ihm das Schreiben wieder in die Hände gefallen. Vom Schulamtsleiter persönlich. Er solle die Schule in Sachen Völkerverständigung nach vorn bringen, hieß es dort.

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Die Puppe und die Großmutter hatten eines gemeinsam: Sie waren lange nicht mehr herausgekommen. Sie hatten sich im Hinterzimmer eingerichtet. Haut und Holz waren trocken geworden. Aber in den tiefen Falten waren ihre Geschichten bewahrt. Und heute hatten sie sie aus den Tiefen geholt. Sieben Minuten lang. …… „Das haben wir gut gemacht“, flüsterte sie ihr zu, überprüfte noch einmal, ob die Decke sie gut bedeckte, und zog dann den Vorhang wieder vor das Regal.“

 

Roman. 250 S. Beck-Verlag München