Fachkräftesicherung: Keine Zeit für Showveranstaltungen

 

Gabriele Lösekrug-Möller zum Fachkräftetreffen der Bundeskanzlerin mit Spitzen aus Wirtschaft und Gewerkschaften: Das Thema Fachkräftesicherung ist die zentrale wirtschaftliche Frage unserer Zeit. Denn die demografische Entwicklung schlägt zunehmend auf den deutschen Arbeitsmarkt durch und neben Hochqualifizierten werden zunehmend auch Menschen mit mittlerer Qualifikation dringend gebraucht. Die Bundesregierung versäumt es jedoch zu handeln. Stattdessen macht sie große Showveranstaltungen.

Ein wachsender Bedarf an Fachkräften ist nicht nur in naturwissenschaftlich-technischen Berufen absehbar, sondern auch in den Bereichen Pflege, Gesundheit und frühkindlicher Erziehung.

In Zukunft werden neben Hochqualifizierten auch Menschen mit mittlerer Qualifikation dringend gebraucht. Fachkräftemangel in der Spitze und in der Breite droht verstärkt zur Wachstumsbremse für Deutschland zu werden.

Die Bundesregierung versäumt es, entschlossen zu handeln. Stattdessen macht sie große Showveranstaltungen ohne konkrete Ergebnisse. Schon der Meseberg-Gipfel 2011 war für Wirtschaft und Gewerkschaften gleichermaßen eine große Enttäuschung, weil er zu keinen verbindlichen Ergebnissen geführt hat. Damit befördert die Bundesregierung die paradoxe Entwicklung, in der die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften steigt, während gleichzeitig große Gruppen der Gesellschaft in prekären Beschäftigungsverhältnissen und Langzeitarbeitslosigkeit abgehängt sind.

Die Bundesregierung verspielt auch leichtfertig eine große Chance: Wenn jetzt die Weichen richtig gestellt werden, können aus dem zu deckenden Bedarf an Fachkräften Aufstiegsmöglichkeiten für viele Beschäftigte erwachsen. Nach Jahrzehnten von Massenarbeitslosigkeit kann sich eine Perspektive auf Vollbeschäftigung und Aufstieg eröffnen.

Denn Deutschland hat große Fachkräftepotenziale. Diese Potenziale können gehoben werden, wenn Jugendliche besser ausgebildet werden, Frauen die Möglichkeit haben, höherwertig und vermehrt in Vollzeit zu arbeiten, Ältere bessere Chancen bekommen und Geringqualifizierte weitergebildet werden. Bis 2025 lassen sich aus diesen Bereichen nach Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit bis zu 5,2 Millionen zusätzliche Fachkräfte mobilisieren.

Die Grundlage für eine gezielte Ausschöpfung der Potenziale ist eine neue Ordnung am Arbeitsmarkt. Der Trend zu mehr prekärer Beschäftigung muss zurückgedrängt werden, da dieser einer nachhaltigen Fachkräftesicherung entgegensteht. Prekäre Arbeit entwertet Qualifizierung und bremst Aufwärtsmobilität. Fachkräftesicherung braucht eine starke und aktive Arbeitsmarktpolitik.

Um eine entsprechende Strategie erfolgreich umzusetzen, sind mehr Verbindlichkeit und klare Verantwortlichkeiten notwendig. Unverbindliche Treffen reichen längst nicht mehr aus. Fachkräftesicherung ist eine Aufgabe vieler Akteure: der Unternehmen selbst, der Tarifpartner, der Gesellschaft und der Politik. Gefragt sind Arbeitsmarkt-, Sozial-, Wirtschafts-, Bildungs- und Integrationspolitik. Ein unkoordiniertes Herumwerkeln an einzelnen Baustellen führt nicht weiter, umso mehr wenn die Zuständigkeiten schon innerhalb der Bundesregierung völlig zersplittert sind.

Die SPD-Bundestagsfraktion schlägt vor, einen Deutschen Rat für Fachkräftesicherung beim Bundeskanzleramt einzurichten. Ein solcher Rat ist notwendig, um die vielen zersplitterten Verantwortlichkeiten bei diesem Thema zu einer koordinierten Politik zusammenzuführen. Er hätte dann auch Autorität, um verbindliche Ziele und Maßnahmen zu verabreden.