Buchtipp Januar 2007

W. Paul Strassmann: Die Strassmanns. Schicksale einer deutsch-jüdischen Familie über zwei Jahrhunderte.


Die Familiengeschichte der Strassmanns reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Die Vorfahren waren Tuchhändler im polnischen Rawicz, im 19. Jahrhundert kam die Familie nach Berlin und brachte in drei Generationen nicht weniger als acht bedeutende Ärzte hervor. Erzählt wird hier von einem rasanten sozialen Aufstieg trotz aller Hindernisse, die der Familie wegen ihrer jüdischen Herkunft immer wieder in den Weg gelegt werden.
1848 geht der Medizinstudent Wolfgang Strassmann in Berlin auf die Barrikaden, als Arzt wird er 1875 Stadtverordnetenvorsteher und leitet zusammen mit Rudolf Virchow die Modernisierung der Stadt. Das ruft Proteste hervor, unter anderem die antisemitischen Äußerungen Adolf Stöckers. In der nächsten Generation wird Fritz Strassmann ein bekannter Gerichtsmediziner; Paul Strassmann gründet eine Frauenklinik in der Schumannstraße in Berlin-Mitte und verhilft 15 000 Kindern zur Geburt. Seine Tochter Antonie ist eine berühmte Schauspielerin und Fliegerin. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird Paul enteignet, sein junger Cousin Ernst geht in den Widerstand. Einige Familienmitglieder überleben in Verstecken, andere werden ermordet. Viele emigrieren in die USA wie Antonie und ihr Bruder Erwin, der an die berühmte Mayo-Klinik eingeladen wird. Sein Sohn Wolfgang Paul wiederum ist es, der hier von den Strassmanns berichtet
Dieses Buch zeigt einmal mehr, wie bedeutsam der Beitrag der kleinen jüdischen Minderheit zu den Leistungen des deutschen Bürgertums vor den Verheerungen des Nationalsozialismus war. Der Autor sagt, diese Familiengeschichte sei zugleich „die Geschichte der zunichte gemachten Assimilation.“
„Die Strassmanns“ ist ein Geschichtsbuch mit Berliner Hintergrund, keineswegs nur etwas für medizinisch interessierte Leserinnen und Leser. W. Paul Strassmann erzählt nie langweilig, ohne Pathos, aber mit viel Wärme.

Über den Autor
W. Paul Strassmann, Jahrgang 1926, emigrierte 1937 mit seinen Eltern und Schwestern aus Berlin in die USA. Er war Professor für Volkswirtschaft an der Michigan State University. Vor zehn Jahren begab er sich auf die Suche nach den Spuren seiner Vorfahren in Deutschland.


Campus Verlag, Frankfurt / New York 2006. 376 Seiten, 24,90 Euro.