Buchtipp November 2011

Anja Reich, Alexander Osang: Wo warst du? Ein Septembertag in New York. Piper Verlag, 272 Seiten.
ISBN: 978-3-492-05436-2

Alexander Osang, SPIEGEL- Korrespondent und seine Frau Anja Reich, ebenfalls Journalistin, ziehen 1999 mit ihren beiden Kindern nach New York- vor allem für den in der DDR geborenen Alexander Osang ein Traum!
In abwechselnden Blöcken und äußerst unterschiedlichen Betrachtungsweisen beschreibt das Ehepaar ganz persönlich ihren Umzug in die Weltmetropole, Eigenheiten ihres neuen Lebens wie zum Beispiel die Regel, an Müllabfuhrtagen das Auto umzustellen, die Enttäuschungen und Missverständnisse zwischen ihnen, von denen es wahrlich viele gibt im Schatten des 11. September.

Während Alex sofort nach dem Umzug für eine weitere Reportage das Land verlässt und seinen Job grundsätzlich an erste Stelle stellt, fällt es Anja deutlich schwerer sich in der neuen Stadt zurechtzufinden und leidet darunter, ihren Beruf nur bedingt ausüben zu können.

Als am 11. September 2001 das erste Flugzeug in das World Trade Center fliegt, alle aber noch von einem „big fire in Manhatten“ ausgehen, sitzt Familie Osang noch gemütlich zu Hause. Erst als das SPIEGEL- Büro anruft, um zu berichten, dass ein anderer Korrespondent bereits losgeeilt sei, kann Alex nicht schnell genug zu den Türmen gelangen. 

Während die Menschen aus Manhatten fliehen und erstmals von einem Terroranschlag die Rede ist, will ein Polizist Alex aufhalten. Auf der Suche nach „der Story“ rennt er natürlich trotzdem los. Er ist immer auf der Suche nach „seiner Story“, um gut genug zu sein, um bloß nicht die Redaktion zu enttäuschen.

Im Grauen dieses Tages lernt er verschiedene Menschen kennen, die, im Gegensatz zu ihm, unfreiwillig in die Lage geraten sind und Teil seiner Geschichte werden. Osang gelingt es, das Erleben von Menschen dieser Extremsituation hautnah einzufangen.

Zwischendurch, inmitten einer Aschewolke, den Tod vor Augen, schwört er sich seinen Job aufzugeben. Natürlich tut er das nicht. Im Gegenteil: Mit seiner letzten Münze ruft er - nein, nicht seine Familie - die Redaktion an.

Während Anja ihren eigenen journalistischen Ehrgeiz an diesem dramatischen Tag zugunsten einer scheinbaren Normalität für ihre Kinder zurückstellt, wartet sie den gesamten Tag voller Sorge auf eine erlösende Nachricht von Alex. Allerdings bekommt sie zunächst nur dieselben Informationen wie auch alle anderen Menschen auf der Welt, die Fernsehen, Radio oder Internet besitzen.

Soviel vorweg: Alex überlebt. Und seine Ehe auch!

Wer eine genaue Dokumentation und Erörterung der Ereignisse des 11. Septembers erwartet, wird aus wikipedia schlauer als aus diesem Buch. Dieses völlig unpolitische Buch ist vielmehr eine berührende, mitreißende Geschichte, ein Einzelschicksal von einer Familie, die die Terroranschläge hautnah aus ihrer ganz persönlichen Perspektive schildert. Sie verarbeiten 9/11, denken über ihre Beziehung sowie die Eigenarten ihrer Partner nach und finden am Ende des Tages wieder zueinander... Man merkt, dass man es mit zwei journalistischen Profis zu tun hat. Als wäre man mitten im Geschehen, kann man dieses Buch nicht mehr beiseitelegen.