Kanzelrede von Gabriele Lösekrug-Möller zum 8. Gebot " Du sollst nicht lügen"

2011 Mai LöMö
 

Am Sonntag hielt Gabriele Lösekrug-Möller in der Marktkirche Hameln eine Kanzelrede zum 8. Gebot: Du sollst nicht lügen. Lesen Sie hier die Rede im Original und hören Sie den dazugehörigen Radiobeitrag von Christoph Huppert.

Hören Sie hier die Radiobeitrag:

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden gegen deinen Nächsten

Der Wahrheitsladen.
Ich konnte kaum meinen Augen trauen, als ich den Namen des Ladens sah: Wahrheitsladen. Dort wurde Wahrheit verkauft. Die Verkäuferin war sehr höflich: Welche Art Wahrheit wollte ich kaufen, Teilwahrheiten oder die ganze Wahrheit?
Natürlich die ganze Wahrheit. Nichts da mit Trugbildern, Rechtfertigungen, moralischen Mäntel-chen. Ich wollte meine Wahrheit schlicht und klar ungeteilt. Sie winkte mich in eine andere Abtei-lung des Ladens, wo die ganze Wahrheit verkauft wurde. Der Verkäufer dort sah mich mitleidig an und zeigte auf das Preisschild. „Der Preis ist sehr hoch, Sir“, sagte er.
So beginnt eine kleine Geschichte über Wahrheit. Wir wissen, Wahrheit ist keine Ware. Aber hat sie trotzdem einen Preis? Und fordert das achte Gebot, das wir mit „du sollst nicht lügen“ salopp for-mulieren, denn Wahrheit? Wie in der Geschichte, die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit?
Vom Wortlaut her geht es im achten Gebot um das Zeugnis vor Gericht. In der Frühzeit Israels war die Hauptform des Gerichts das Schiedsgericht, bei dem jede Partei ihre Rechtshelfer mitbrachte. Oft hing das Schicksal beschuldigter Menschen vom Zeugnis derer ab, die als Zeugen auftraten.
Die Forderung, vor Gericht keine falschen Zeugenaussagen zu machen und in der Rechtsprechung unparteilich zu sein soll bewirken, dass dem Nächsten nicht schwerer Schaden zugefügt und da-durch der Bund mit Gott beeinträchtigt wird.
Wir haben das Glück in einem Rechtsstaat zu leben und nicht nur vor Gericht gilt das Wahrheits-prinzip des achten Gebotes.
Im Katechismus lautet die Antwort auf die Frage was ist das? „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unseren Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, son-dern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“
Für Martin Luther geht es um „alle Sünde der Zunge, dadurch man dem Nächsten mag Schaden tun oder zu nahe zu sein. Denn falsches Zeugnis reden ist nichts anderes als Mundwerk.“
Jürgen Schmieder, Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, hat es ausprobiert, vierzig Tage „ehr-lich“ zu sein, von Aschermittwoch bis Ostersonntag, und darüber ein Buch geschrieben: Du sollst nicht lügen! Von einem, der auszog, ehrlich zu sein. Am Ende ist seine Erkenntnis, es war gut – und er hat viel gelernt. Zum Beispiel, dass rein statistisch gesehen, jede und jeder im Schnitt 200mal pro Tag lügt und Kinder erst ab einem Alter ab vier mit lügen anfangen, was nichts anderes heißt, als Lügen ist nicht angeboren, wir lernen es erst.
Und wie ist das mit uns? Wir sagen, Lügen haben kurze Beine, Ehrlich währt am Längsten und wer einmal lügt, dem glaub man nicht, wenn er auch die Wahrheit spricht.
Wir erziehen unsere Kinder zu Ehrlichkeit - und lassen uns erwischen beim Schummeln.
Wir wollen nicht angelogen werden - und zugleich ersparen wir anderen unsere tatsächliche Mei-nung. „Das sagt man nicht!“, bringen wir unseren Kindern bei. Scheinbar gibt es einen schwierigen Grenzverlauf. Seine Wegmarken sind Notlügen, Weglassen, Schönreden. Wer von uns kennt das nicht? Menschen in ohnehin schwierigen Lebenslagen neue schlechte Nachrichten scheibchenweise zu übermitteln. Verstoßen wir damit gegen das achte Gebot?
Ich gehöre der Berufsgruppe an, die in dieser Hinsicht den schlechtesten Ruf hat, die Politiker und Politikerinnen. Selbst wenn sie nicht direkt lügen, versprechen sie, was sie nicht halten können und wollen dafür gewählt werden. Wahr oder gelogen? Ich finde, beides. Wahr ist, dass politische Par-teien, das gilt für alle, in ihren Programmen Aussagen formulieren, die weder sofort noch voll um-fänglich erreichbar sind.
Für mich besteht der „Wahrhaftigkeitscheck“ darin, zu prüfen, ob die Entscheidung auf dem Weg hin zu einer menschfreundlicheren Gesellschaft führt oder ob sie sich davon entfernt. Achtet sie die Menschenrechte und Grundwerte von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität?
Politiker und Politikerinnen in einer Demokratie müssen die Spannung zwischen Programmatik und alltäglichen Entscheidungen aushalten und verantworten. Sie sollten weder die Wirklichkeit schön-reden, noch das aktuell Machbare überhöhen, es geht um das jeweils Bestmögliche. Redlich wäre auch, beispielsweise, nach Wahlen Verluste und Niederlagen zuzugeben.
Aber, lüge ich öfter, seit ich im Bundestag bin? Ich glaube nicht. Als Christin strenge ich mich an, auch in meinem Mandat wahrhaftig zu sein. Dazu gehört auch das Eingeständnis, durch ein Mandat nicht zu einem besseren Menschen geworden zu sein.
Wahr oder gelogen? Kennen sie dieses Spiel? Es funktioniert mit „Enten“ in der Zeitung. Es ist simpel, wenn es um Werbung geht.
Der Spaß hört auf, wenn es um Beziehungen geht. Die soziale Dimension des achten Gebotes ist erheblich. Jedes Zusammenleben setzt voraus, dass wir den anderen ernst nehmen und dass aufei-nander Verlass ist. Wahrheit baut Gemeinschaft auf. Lüge zerstört sie. Auf Wahrheit vertrauen kön-nen, ist Basis für ein gelingendes Miteinander. Mangel an Ehrlichkeit wirkt wie ein schleichendes Gift.
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden gegen deinen Nächsten
Für Christen ist Gott selber die Wahrheit. Wahrhaftig zu sein und zuverlässig untereinander spiegelt daher die Bundestreue Gottes. Weil Gottes Wort Wahrheit wird durch Jesus ist dies der tiefe Grund der sittlichen Forderung nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit. „Deshalb legt die Lüge ab,“ schreibt Paulus an die Epheser, „und redet untereinander die Wahrheit, denn wir sind als Glieder miteinan-der verbunden (Epheser 4,25).“
Ist das der Aufruf zu schonungsloser Wahrhaftigkeit? Absolute, direkte Ehrlichkeit? Wer das so empfindet, sollte bei sich selbst beginnen. Aufrichtig-Sein der eigenen Person gegenüber ist wirklich ein guter Anfang.
Und eine gute Gelegenheit, zu erfahren, wie weh es tun kann, dass, was ist, anzunehmen.
Jürgen Schmieder hat ausgerechnet, dass ein erwachsener Mensch durchschnittlich 12,5 mal pro Stunde lügt – natürlich nicht im Schlaf. Mir scheint die Zahl hoch, es sei denn, darin sind auch jene Lügen enthalten, die uns selbst betreffen. Die gewöhnlichste Lüge, sagt Nietzsche, ist jene, mit der man sich selbst betrügt.
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden gegen deinen Nächsten
Im kleinen Katechismus besteht die Antwort aus zwei Teilen: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unseren Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, son-dern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren.“
Wie passt das zusammen? Die Antwort liegt in der Nächstenliebe. Die Fachliteratur kennt prosozia-le Lügen. Sie entschärfen Konflikte. Sie sind Bestandteil von Kultur und machen unseren Alltag er-träglich. Stellen sie sich vor, alle würden auf die Frage, wie geht’s, ehrlich antworten?
Dazu passt die Geschichte von den „drei Sieben“ des Sokrates:
Zum weisen Sokrates kam einer gelaufen und war voller Aufregung. „Höre, Sokrates, das muss ich dir erzählen, wie dein Freund“ – „Halt ein!“ unterbrach ihn der Weise, „hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?““Drei Siebe?“ fragt der andere voller Verwunderung. „Ja, guter Freund, drei Siebe. Lass sehen, ob das, was du mir zu sagen hast, durch die drei Siebe hindurchgeht.
Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?“ „Nein, ich hörte es erzählen und…“So, so!
Aber sicher hast du es mit dem zweiten sieb geprüft! Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst – wenn es schon nicht als wahr erwiesen ist -, so doch wenigstens gut?“ Zögernd sagte der andere: „Nein, das nicht, im Gegenteil!“
„Hm, hm!“ unterbrach ihn der Weise, „so lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden, und lass uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so erregt!“ „Notwendig nun gerade nicht.“ „Also!“ lächelte der Weise, „wenn das, was du mir gerade erzählen willst, weder wahr noch gut, noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!“
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden gegen deinen Nächsten
Was ist mein Fazit?
Ehrlich zu sein, wahrhaft zu sein in der Liebe Gottes ist Ausdruck von Nächstenliebe, von Respekt und Wertschätzung im Umgang miteinander. Wie bei allen anderen Geboten bin ich gefragt, mein Einfühlungsvermögen, meine Zivilcourage.
Und der Mann im Wahrheitsladen? Er wollte die ganze Wahrheit. „Der Preis ist sehr hoch, Sir“, hatte der Verkäufer ihm gesagt. „Wie viel?“, fragte er entschlossen, die ganze Wahrheit zu erwerben, gleichgültig, was sie kostete. „Wenn sie diese hier nehmen“, sagte der Verkäufer, „bezahlen sie mit dem Verlust Ihrer Ruhe und Gelassenheit, und zwar für den Rest ihres Lebens“. Traurig verließ der Mann den Laden. Er hatte gedacht, er könne die ganze Wahrheit billig bekommen.
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden gegen deinen Nächsten
Ein kostbares, ein wertvolles Gebot. Und ganz und gar nicht käuflich. Amen