20 Jahre Rattenfänger-Quilter der VHS Hameln!

 

LöMö, selbst begeisterte Quilterin, gratulierte zum 20. Jubiläum der Rattenfänger-Quilter und hielt eine Rede zur Eröffnung einer Quilt-Ausstellung in Hameln:

Liebe Rattenfängerquilterinnen!

Der Mensch sollte an jedem Tag etwas Musik hören, etwas Dichtkunst lesen und ein schönes Bild betrachten, damit weltliche Sorgen in ihm nicht den Sinn des Schönen auslöschen, den Gott in die menschliche Seele gepflanzt hat.

Goethe, der diesen Rat niederschrieb, war kein Quilter –sonst hätte er nicht eine so unvollständige Auflistung verfasst. Eine ganze Welt ist ihm damit verborgen geblieben!

Dank des Jubiläums der Rattenfängerquilter werden im Rahmen der Ausstellung hoffentlich viele Besucherinnen und Besucher die Kontinente von Patchwork und Quilten besser kennen lernen oder gar neu für sich entdecken.

Typisch Quilter! Sie nehmen ihren „20. Geburtstag“, zu dem ich von Herzen gratuliere, nicht nur zum Anlass für eine Werkschau, sondern nutzen sie für gute Zwecke. Kinderhospiz und Kindertafel sollen und werden profitieren. Und da Quilten international ist, stehen auch Quilts mit afghanischen Stickbildern zum Verkauf, deren Erlös an das „Stickprojekt Laghmani“ geht.

Das Stickprojekt Laghmani
Sticken ist ein traditionelles über die Grenzen Afghanistans hinaus bekanntes Kunsthand-werk, das in den langen Kriegsjahren zunehmend vernachlässigt wurde und fast in Verges-senheit geraten war. Mit dem Stickprojekt soll an diese Tradition angeknüpft werden. An-geknüpft wird damit auch an das Frauenzentrum Laghmani, das von der DAI in den Jah-ren 2003 und 2004 am Ort betrieben wurde.

Ziel ist es, den Frauen zu vermitteln, dass sie mit der Fähigkeit, sticken zu können, etwas Wertvolles beherrschen, womit sie auch ihre oder ihrer Familie Existenz wenigstens teil-weise bestreiten können. Die Wertschätzung für und das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten sollen wachsen. Die Frauen sticken mehrere Stunden an einem Quadrat, des-sen Muster sie selbst entworfen haben.
Mittlerweile sticken über 200 Frauen in Laghmani, ca. 60 Kilometer nördlich von Kabul, 8 x 8 cm große Quadrate. Durch den Verkauf ihrer Stickarbeiten können sie die finanzielle Lage ihrer Familien wesentlich verbessern. Diese Quadrate sind nicht als Fertigprodukte, sondern als Rohlinge zu betrachten, und werden in Europa verkauft, um hier weiterverarbeitet zu werden. Sie eignen sich vorzüglich zur Kombination mit Patchworktechniken sowie mit anderen Textiltechniken, wobei die Stickquadrate hervorragend als Blickpunkte eingesetzt werden können,. Das Ergebnis sind symbolisch wirkende Textilarbeiten, bei denen nicht nur zwei Techniken miteinander kombiniert, sondern vor allem zwei Kulturen miteinander verbunden werden.

Damit sind wir bereits mitten in der Welt des Quiltens.

Für mich ist es eine besondere Ehre, hier sprechen zu dürfen, greife ich doch auch seit Jahrzehnten zu Schere, Nadel und Faden um kleingeschnittene Stoffe in mehrere Lagen wieder zusammen zu fügen. Und die Mitgliedschaft in der Quiltergilde Deutschland bereitet mir ausschließlich Freude, was von anderen Mitgliedschaften so nicht behaupten kann.

Viele Jahre hatte ich einen Anhänger an meinem Rucksack „Warning! Quilter on the move!“ Es gab auch den Vorschlag. ich solle doch mein Auto mit einem Aufkleber „Vorsicht, ich bremse auch für Lappen“ versehen. Denn wo auch immer sich Quilter bewegen, sie halten Ausschau nach Stoffen, einschlägiger Literatur, Ausstellungen und Ihresgleichen.

Wie beschreib jemand einmal launig „den Quilter“ an sich?

Er gehört zur Familie der Stoff- und Restehamster, ist stolz auf große Vorräte, tritt jedoch gern in Tauschbeziehungen ein, verhält sich freundlich und gesellig bei Zusam-menkünften seiner Art. Er liebt es, sich in festen Gruppen zu organisieren. In Mitteleuropa ist er seit ca. 30 Jahren wieder heimisch. Neuerdings ist er auch im Internet präsent. Interessanterweise besteht die Population zu mehr als 90% aus Weibchen. Seine Fortpflanzung liegt bis Heute im Dunkeln. Es wird vermutete, dass er/sie sich durch Ansteckung vermehrt.

Aber oft wurde ich auch sehr ernsthaft gefragt, was dass denn eigentlich sei – ein Quilt?

Sehr salopp kann man/frau sagen, ein Quilt ist ein Stoffsandwich. Drei Lagen Stoff, Oberfläche, Unterseite und mittendrin die Füllung. Diese Lagen werden über die ganze Fläche, also nicht nur an den Rändern, miteinander verbunden. So heißt es zu Recht: A quilt is not a quilt until it’s quilted! Patchwork ist in der Regel die kunstvolle Technik, in der verschiedene Stoffe zusammengefügt werden, die die Oberseite bilden.

Das alles mag Goethe nicht gewusst haben. Für uns reicht dieses Basiswissen, um uns in der Welt des Quiltens orientieren zu können.

Die Technik des Quiltens ist sehr alt. Es liegt an der Vergänglichkeit des Materials, dass wir kaum über 2 000 Jahre alte Fundstücke verfügen. Dennoch ist erwiesen, dass sowohl in China (gesteppte Kleidung) wie im alten Ägypten (gequiltete Decken und gesteppte Panzerhemden) hergestellt wurden. Ich las, dass die Kreuzfahrer diese Quilttechnik im 13. Jahrhundert mit nach Europa brachten und sie dann mit den ersten Siedlern nach Amerika „auswanderte“. Dort hat sie sich entfaltet und als Tradition bis heute erhalten.

Diese Siedlerfrauen mussten sehr sparsam leben, verwendeten also Reste getragener Kleidung. Dazu standen ihnen Nadel und Faden zur Verfügung und sie konnten durch den Austausch von Stoffresten Materialvielfalt erreichen. Erste Designs entstanden – und Gemeinschaftsarbeiten. Quilten wurde zum gesellschaftlichen, sozialen, nachbarschaftlichen Ereignis. Frauen trafen sich zu sog. Quilting Bees. Und besondere Ereignisse wurden zum Anlass für Quilte: Hochzeits-, Geburts- und Geburtstagsquilts, Erinnerungsquilts….

Ja, werden sie zu Recht sagen, aber Hameln liegt nicht im Wilden Westen, wir sitzen abends nicht mehr bei der Petroleumlampe zusammen und zum Glück leben wir nicht mehr in jener materiellen Not wie die seinerzeit ums Überleben kämpfenden Siedler. Doch das Gute am Quilten hat sich erhalten und weiterentwickelt, ist weltweit über reine Funktionalität hinaus zu einer Gestaltungs- und Ausdrucksform geworden, die Tradition und Moderne verbindet.
Es ist ein Glückfall für uns, dass sie, liebe Frau Kritidis und ihre Mitstreiterinnen, seit nunmehr 20 Jahren über die VHS dem Quilten eine Heimat bei uns gegeben haben. Einen festen Ort, eine feste Zeit um diese textile Tradition zu pflegen und sie künstlerisch zeitgemäß zu entwickeln.

Viele der in Jahrhunderten entstanden Muster und Designs spiegeln sich in den hier ausgestellten Quilts. Zugleich geben sie auch einen Eindruck, wie viel kreative, künstle-rische Gestaltung möglich ist. Immer gilt: Kein Quilt gleicht einem anderen. Jeder ist ein Unikat. Sie sind so einzigartig wie die Person, die sie gewollt und verwirklicht hat.

Quilten beginnt nicht mit Nähen. Für die Quilterinnen unter ihnen eine Binsenweisheit, aber wesentlich. Am Anfang steht eine Idee. Je nachdem, ein gewolltes Design, der Wunsch, mit einem oder mehreren Materialien zu arbeiten, ein Thema zu gestalten. Ob angelehnt an traditionelle Quilts, ob künstlerisch frei gestaltet, der Prozess hält immer Überraschungen bereit!
Wer kennt sie nicht, die sog. „Unvollendeten“. Warten sie auf Fertigstellung? Was ist passiert im Prozess? Hat das Leben andere Aufgaben gestellt? Hat sich die Grundidee des Werkstückes verändert oder ist sie gar verloren gegangen? Patchwork und Quilten ist ein vielschichtiger Prozess. Etwas überspannt ausgedrückt, beginnt ein Dialog mit dem Entstehenden. Wie lasse ich mich darauf ein? Tausche ich mich darüber mit anderen aus? Wie steht es um meine Hingabe, Konzentration, Sorgfalt während der vielen Arbeitsstunden? Und kann ich mich am Ende lösen von „meinem Werk“?

In der ersten Ausgabe dieses Jahres der Zeitschrift der Patchworkgilde heißt es in einem Beitrag „Quilten für die Seele – Lange bevor ein textiles Objekt zu Schau gestellt wird und seine ästhetische Wirkung entfaltet, wirkt der schöpferische Vorgang des Quiltens im Verborgenen….Unabhängig von allem Wechsel der Zeiten und Moden zeigen viele Textilschaffende ein Bedürfnis sich auszudrücken, etwas Inneres sichtbar zu machen und andere daran teilhaben zu lassen… So sind die Gedanken, die am Beginn einer Quiltarbeit stehen und den oft mühsamen Arbeitsprozess begleiten, etwas sehr Individuelles. Die Intention, eine bestimmte Arbeit in Angriff zu nehmen, kann geprägt sein von persönlichen Erfahrungen und Wünschen. Das Spenden von Quilts für wohltätige Zwecke etwas gehört dazu. Eine besondere Form dieser helfenden Funktion gewinnt das textile Schaffen, wenn es der Quilterin oder dem Quilter selbst hilft. Wenn die Arbeit am Quilt zur Beschäftigung mit dem eigenen Ich wird, mit den eigenen Wünschen, Ängsten und Hoffnungen.“ Ein sehr lesenwerter Beitrag!

Die Rattenfängerquilter haben uns zu ihrem Jubiläum ein besonderes Geschenk gemacht. Sie haben miteinander „Round Robins“, eine ganz spezielle Form des Gemein-schaftsquilts angefertigt. Was das ist und wie das geht? Fragen Sie, nach der Technik, nach den Erfahrungen, Erlebnissen. Gleich ist Gelegenheit dazu.

Der Mensch sollte an jedem Tag etwas Musik hören, etwas Dichtkunst lesen und ein schönes Bild betrachten, damit weltliche Sorgen in ihm nicht den Sinn des Schönen auslöschen, den Gott in die menschliche Seele gepflanzt hat.

Schönes betrachten, dass ist uns auf besondere Weise möglich wenn wir durch diese Ausstellung gehen. In diesen Quilts drückt sich unser Sinn für das Schöne aus, den – so Goethe – Gott in unsere menschliche Seele gepflanzt hat.

Ich wünsche den Rattenfängerquiltern noch viele Inspirationen, gemeinsame Quiltstunden und viel Freude miteinander und glückliche Momente mit Stoff, Nadel und Faden.
 

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