Buchtipp August 2006

Feridun Zaimoglu
„Leyla“


»Sie taucht einen Seifenbrocken in den Waschzuber, ihre Hand flattert im Wasser wie ein Vogelflügel, bis sich kleine Schaumflocken bilden. Dann legt sie die rot bespritzte Stelle ihres Hauskittels auf die linke Handwurzel, holt den Seifenklumpen vom Boden des Zubers hervor, reibt über die Stelle, bis der Blutschmutz ausgerieben ist.
Willst du dich dort krumm stehen? sagt sie, komm rein oder geh raus.
Ich schließe die Tür hinter mir und sehe ihr dabei zu, wie sie ihr Gewicht vom rechten auf das linke und wieder zurück auf das rechte Knie verlagert. In der schönen Hitze will ich bleiben.
Mach das nochmal, sage ich.
Was soll ich machen? sagt sie.
Du sollst unter dem Wasser mit den Flügeln schlagen, sage ich.
Ich habe keine Zeit für Spiele, sagt sie, und dann, nach ein paar Wimperschlägen, wird das Wasser unruhig, ich trete an den Waschzuber heran, um besser sehen zu können. Sie hat die Daumen verhakt zum Kopf einer Taube, und die abstehenden Finger sind die Federn zweier Flügel im rosarot gefärbten Wasser, die Taube fliegt hin und her, meine Mutter gurrt dazu, dann wird sie still und starrt auf einen Fleck am Boden, auf etwas, das nur sie sehen kann.«

Feridun Zaimoglu schreibt über das Mädchen Leyla, welches in einer anatolischen Kleinstadt in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts als jüngstes von fünf Geschwistern aufwächst. Er nimmt uns mit in eine fremde Welt, beklemmend und faszinierend, abstoßend und märchenhaft.

In dem Ort, in dem Leyla aufwächst, überragt ein strenger Glaube den Alltag. Nicht nur Leylas Familie wird vom Vater beherrscht und tyrannisiert, Frauen erhalten nur einen Platz am Rande. Der diktatorische Vater Leylas, von ihr nur „der Nährvater“ genannt, zieht seine Macht aus Religion und Tradition. Je mehr Brüche diese Strukturen im Laufe der Zeit bekommen, desto stärker wird Leyla mit ihrer Familie von ihrem Vater drangsaliert. Leyla hat nur einen Wunsch: Sie will diesem schrecklichen Leben entkommen.

Im Kampf zwischen Tradition und Neuzeit in einer muslimischen Gesellschaft zeigen sich auf Dauer die Frauen als die Stärkeren. Sie sind bereit, sich Veränderungen auszusetzen. Sie verfolgen mit Ausdauer ihr Ziel, an einem anderen Ort ein neues, besseres Leben zu führen.

Ein eindringliches und bereicherndes Buch, das uns viel über die Kultur und die Lebensumstände der ehemaligen „Gastarbeiter“ berichtet.

Feridun Zaimoglu, geboren 1964 im anatolischen Bolu, lebt seit 35 Jahren in Deutschland. Er studierte Kunst und Medizin in Kiel, wo er seither als Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist arbeitet.

Kiepenheuer & Witsch 2006
ISBN 3462036963,
Gebunden, 528 Seiten, 22,90 EUR