Buchtipp März 2006

Ulla Lachauer: Paradiesstraße

"Ich bin ein GIückskind. Ich bin an einem Sonntag geboren, am 19. Juni 1910, am Morgen, gerade in die Sonne hinein. "Sonntagskinder", sagte meine Mutter, "sind Glückskinder". Ich weiß nicht, was man als Glück betrachtet. Jedenfalls habe ich in all dem Wirrwarr, den Stürmen und was der Mensch durchzustehen hatte in meiner Heimat, immer noch Glück gehabt. An vielen Abgründen bin ich vorbeigegangen. Ich hätte auch hineinfallen können. Beinahe wäre ich ins Gefängnis gekommen zu der Hitlerzeit. Das war ein Glück, dass ich in Freiheit blieb. Auch die Stalinzeit haben wir glücklich überlebt. Wenn wir auch nach Sibirien fahren mussten, so sind wir doch mit der ganzen Familie zusammengeblieben und alle wieder nach Hause gekommen. "

Aufgewachsen als Bauerntochter in Ostpreußen, erlebt Lina Grigoleit zwei Weltkriege. In ihren Lebenserinnerungen erzählt sie vom Fremdwerden in der Heimat, von der Deportation nach Sibirien und der einsamen Rückkehr an die Memel ins Vaterhaus. Die ungebrochene Zuversicht der Lena Grigoleit ist das Schlüsselerlebnis dieses wundervollen kleinen Buchs von Ulla Lachauer. Die Leserinnen (und hoffentlich auch viele Leser!) erleben eine Frau, die verletzlich und gleichzeitig stark ist, mit einer Mischung aus Heiterkeit, Melancholie und der nie endenden Liebe zu ihrer Heimat. Es sind die kleinen großen Weisheiten der Lena Grigoleit, die dieses Buch so liebens- und lesenswert machen, und jeder Leserin, jedem Leser gewiss etwas mit auf den Weg geben.

Beiden Frauen gebührt Respekt: Lena Grigoleit für ihren Lebensmut, ihre Weisheit und der Autorin Ulla Lachauer, die diesen Lebenslauf informativ und einfühlsam beschrieben hat.

erschienen bei rororo, Rowohlt Verlag